Stimmen der Freien ORF MitarbeiterInnen zu ihrer Situation

Wir haben unseren KollegInnen zwei einfache Fragen gestellt:

1. Was bedeutet Deine prekäre Arbeitssituation beim ORF für Dich konkret?
2. Warum arbeitest Du trotzdem (noch) für den ORF?

Für mich bedeutet es täglich ein Gefühl der Demütigung, familiären Stress, gesundheitliche Schäden, wirtschaftliche Abhängigkeit – von Mann und Eltern  sowie  Erklärungsnotstand gegenüber meinen Kindern, ich zitiere: „Mama, warum hast du so wenig Geld, obwohl du immer so viel arbeitest?“

Ich hab mit dem Radiojournalismus endlich etwas gefunden, wo ich meine Liebe zur Sprache, meine Willen zum gesellschaftspolitischen Engagement und mein Interesse für menschliche Beziehungen und soziale Bedingungen beruflich umsetzen kann. Mit Ö1 hab ich einen Sender gefunden, den ich selber gern höre und mit dessen Inhalten und Ansprüchen ich mich als Mitarbeiterin identifiziere. Was mich außerdem hält sind die positiven Rückmeldungen meiner RedakteurInnen und der HörerInnen auf meine Arbeit, die nette KollegInnenschaft und die Hoffnung auf gerechte Entlohnung.

Redakteurin, 42, zwei Kinder, seit 18 Jahren bei Radio Ö1

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Ich arbeite seit dem Studium als Freie Mitarbeiterin für das ORF Radio. Das bedeutet, dass sich trotz langjähriger Berufserfahrung und vieler Beschäftigungsjahre im Unternehmen mein Einkommen nie nennenswert erhöht hat. Auch bieten sich mir nicht die geringsten Aufstiegschancen. Mein Leben kann ich mir aktuell nur dank einer sehr günstigen Wohnung und finanzieller Unterstützung durch meine Eltern leisten.

An meiner Tätigkeit schätze ich u.a. die große Selbstständigkeit, das Umfeld und die freie Zeiteinteilung. Ich war notgedrungen bereits auf der Suche nach beruflichen Alternativen, jedoch ergab sich aus verschiedensten Gründen nichts annähernd Passendes. Gerade im Bereich Hörfunk ist der ORF als Arbeitgeber in Österreich einzigartig.

Redakteurin, 37, seit 14 Jahren bei Radio Ö1

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Der magere Verdienst bedeutet für mich, dass ich mit Mitte 30 lebe wie andere mit Anfang 20: ich habe kein Auto, wohne in einer Bruchbude, mache keine Urlaubsreisen und bin gezwungen laufende Kosten (ja, auch die Heizung läuft nicht ständig!) niedrig zu halten. Was meinen Lebensstil von dem einer Studentin vielleicht unterscheidet, ist: Ich habe ein Jahrzehnt Berufserfahrung in der Firma, ich werde in Dienstpläne eingeteilt, und ich muss Familienmitgliedern finanziell hin und wieder über die Runden helfen (nicht sie mir). Außerdem: Ich trage Verantwortung für Inhalte, die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk publiziert werden. Das ist ein skurriler Spagat, der auf Dauer nicht bewältigt werden kann.

Ich halte viel auf das Prinzip eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks, und es ist mir eine Ehre, meistens auch eine Freude, dazu beitragen zu können. Was der ORF, und insbesondere Ö1 und FM4, zur Meinungsbildung, Aufklärung und Demokratie beiträgt, ist unersetzbar. Zudem – und das sind meine persönlichen Gründe – schätze ich das Arbeitsumfeld, die Kolleginnen und Kollegen, die Vielfalt an Themen und Gestaltungsmöglichkeiten von Radiobeiträgen. Ein gutes Gefühl: Ich weiß, dass meine Arbeit und Kompetenz anerkannt werden. Und es wird Zeit, dass sich das auch auf dem Lohnzettel niederschlägt.

Redakteurin, 34, seit 8 Jahren bei Radio Ö1

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Es gibt keinen Ort, in welchem Wissen und das Vermitteln von Wissen mit soviel Sorgfalt, Liebe und Respekt behandelt wird, wie bei Ö1. Und doch fühle ich mich wie ein Bittsteller um Qualität… Nichts ist demütigender, als die besorgte Frage von Kollegen, ob es „sich eh ausgeht“. Nichts schmerzt mehr, als die Erkenntnis, dass Qualität, Visionen und Nachhaltigkeit tagtäglich den Momentaufnahmen zwischen Boulevard und Werbung geopfert werden. Denn wie sonst ließe sich erklären, dass diese, so hochgehaltenen Werte kaum etwas wert sind?

Redakteurin, 34, seit 7 Jahren bei Radio FM4

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Ich arbeite seit 2005 für Ö1 und habe aus Freude an meiner Arbeit die miese Bezahlung lange in Kauf genommen. Man hat ja die Hoffnung, eines Tages angestellt zu werden. Außerdem ist Ö1 natürlich in Österreich konkurrenzlos. Ich könnte diese anspruchsvolle Arbeit bei keinem anderen Sender machen – und das Niveau meiner Sendungen wäre anderswo auch unmöglich. Da ich drei Kinder habe, die hier zu Hause sind, möchte ich nicht nach Deutschland gehen.

Redakteurin, 41, drei Kinder, seit 8 Jahren bei Radio Ö1

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Ich arbeite jetzt das achte Jahr ausschließlich und Vollzeit für Radio Ö1. Um außerordentliche Ausgaben begleichen zu können, wie zuletzt die dringend notwendige, komplizierte Zahnarztbehandlung, musste ich meine Eltern – mein Vater ist Pensionist – um Hilfe bitten. Meine letzte Beziehung ist zerbrochen, weil ich mich ob finanzieller Sorgen dazu gezwungen war, viel zu oft viel zu lange zu arbeiten. Mit Abstand am Schlimmsten ist, länger krank zu sein, währenddessen nichts zu verdienen und beim Arzt 20 Prozent Selbstbehalt übernehmen zu müssen.

Für Radio Ö1 arbeite ich noch, weil die Tätigkeit selbst eine erfüllende ist und man ein Stück weit seinen Idealismus ausleben und den Journalismus pflegen kann.“

Redakteurin, 30, seit 8 Jahren bei Radio Ö1

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Ich bin seit 5 Jahren freie Mitarbeiterin bei FM4. Ich sitze täglich mindestens genauso lange in der Redaktion, wie meine angestellten KollegInnen. Ich habe einen Studienabschluss und leiste dieselbe Arbeit. Als ich letztes Jahr auf Wohnungssuche war, haben mich zahlreiche Vermieter abgelehnt, weil ich kein regelmäßiges bzw. ausreichendes Einkommen nachweisen konnte.

Ich arbeite trotzdem für FM4, weil wir gesellschaftlich relevante Themen behandeln und mit unseren HörerInnen in Dialog treten. Mit unserem Programm bringen wir Menschen zum Nachdenken und bereiten ihnen Freude.

Redakteurin, 29, seit 5 Jahren bei Radio FM4

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Ich arbeite seit 15 Jahren für Ö1, und zwar dann, wenn ich mir es leisten kann. Ich verdiene in anderen Bereichen genug, und subventioniere quer. So geht es sich etwa zwei Mal pro Monat aus, Themen für eine ausführliche Radiosendung aufzubereiten. Da ich bei den besten „Radiohaudegen“ von Ö1 das Radiohandwerk gelernt habe, sind die Ergebnisse auch gut. Die Gefahr ist aber real, dass die Steuer das als Liebhaberei abtut, und dann ist Schluss mit lustig.

Redakteur, 41, seit 19 Jahren bei Radio Ö1 

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Seit 15 Jahren arbeite ich als freier Mitarbeiter bei Radio Ö1, nur phasenweise Vollzeit, leider, weil ich in den anderen Phasen Geld dazuverdienen musste, um über die Runden zu kommen. Leider kann ich so nicht mehr weitermachen. Es geht sich trotz äußerster Sparsamkeit wirklich nicht mehr aus.

Ich arbeite (noch) für Ö1, weil ich noch immer an die Notwendigkeit einer vierten Säule in einer funktionierenden Demokratie glaube. Und weil ich wahrscheinlich verrückt bin.“

Redakteur, 48, zwei Kinder, seit 15 Jahren bei Radio Ö1

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Ich arbeite – mit ein paar Jahren Unterbrechung – seit 1991 ausschließlich für den ORF, zur Zeit im Schnitt 30 Stunden/Woche. Ohne Diensthandy und fixen Arbeitsplatz. Ich kann mir mein geringes Einkommen leisten, weil mein Partner für den Großteil der Lebenshaltungskosten aufkommt.

Für Radio Ö1 arbeite ich noch, weil es nur einen Kultursender in Österreich gibt – und Ö1 Leute wie mich braucht: kompetent, flexibel einsetzbar, immer bereit, das Beste zu geben.

 Redakteurin, 51, seit 22 Jahren bei Radio Ö1

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Ich arbeite seit 1984 (!) für den ORF. War es anfangs noch möglich, als Freie ausschließlich von Ö1 zu überleben, so geht das seit einigen Jahren nicht mehr. Für die Basis sorgt mein Mann, der auch Urlaube und größere Anschaffungen bezahlt.

Für Ö1 arbeite ich noch, weil es keinen anderen Radiosender in Österreich gibt, bei dem ich meine thematisch und gestalterisch anspruchsvollen Beiträge unterbringen kann.

Redakteurin, 50, seit 29 Jahren bei Radio Ö1

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In schlaflosen Nächten mach ich mir Sorgen, im Alter unter der Brücke zu enden. Vom prekären ORF-Einkommen werde ich nie eine Pension bekommen, von der man existieren kann. Sich Geld auf die Seite zu legen oder gar erst eine eigene Wohnung zu kaufen, ist bei diesem Einkommen völlig illusorisch. Wie sich richtiger Urlaub anfühlt, weiß ich gar nicht mehr, weil ich jede Reise in eine Radioreportage verwandeln muss, um sie mir überhaupt leisten zu können. Wenn ich eine neue Küche brauche, muss ich demütig und kleinlaut meine Mama um Geld anschnorren. Ich bin fast 40 Jahre alt und arbeite seit mehreren Jahren Vollzeit für den ORF.

Trotz allem arbeite ich immer noch für Ö1, weil es eine der spannendsten Tätigkeiten ist, die man sich vorstellen kann. Weil ich es liebe, verborgene Seiten der Welt kennenzulernen und mit interessanten Menschen zu sprechen.

Redakteurin, 39, seit 7 Jahren bei Radio Ö1

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Wenn ich mit Verwandten, Freunden und Bekannten über meine Honorierung durch den ORF rede, glauben diese meist, dass ich sehr viel verdiene, weil das dem Klischee der JounalistInnen und auch dem Ruf des ORF anhaftet. Die Reaktion auf meine Schilderung der Realität ist dann ernüchternd und ich werde gefragt, warum ich diesen Beruf weiter verfolge. Nähren Bekannten brauche ich das nicht zu erklären: Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk entspricht, wenn er als Aufklärungsmedium funktioniert, meinem Anspruch an Informationsaufbereitung und Volksbildung. Das bedeutet für mich präventive Schadensbegrenzung, was einem gesellschaftlichen Erdrutsch, wie er in Österreich schon mehrere Male passierte, betrifft.
Redakteur, 37, drei Kinder, seit 16 Jahren bei Radio Ö1

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Ich arbeite seit drei Jahren Vollzeit für FM4, wobei Vollzeit sicher mehr als 40 Stunden entspricht. Bezahlt bekomme ich dafür ein wenig mehr als 1.000 Euro netto, und das, obwohl ich zwei Studien abgeschlossen habe. Leben kann ich davon nur, weil ich meinen Lebensstandard seit meiner Studentenzeit nicht verändert habe. Zu zweit auf 45 Quadratmeter zu wohnen, sollte aber nur eine Zwischenlösung sein, nur wird diese Zwischenlösung immer permanenter.

Für FM4 und Ö1 arbeite ich immer noch, weil ich die Arbeit an sich liebe, das Recherchieren, die Abwechslung, die Herausforderung einen guten, qualitativ hochwertigen Beitrag zu produzieren.  Und weil ich immer noch geneigt bin, dem Versprechen zu glauben, dass sich unsere finanzielle Situation bessern wird. Der Karotte „Anstellung“, die uns vor die Nase gehalten wird, laufe ich hingegen nicht mehr nach.

Redakteur, 29, seit 3 Jahren bei Radio FM4 und Radio Ö1

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Wir, die wir  erst seit ein paar Jahren dabei sind, büßen für ein überkommenes System. Ich habe es satt darum zu betteln, monetär als Moderator akzeptiert zu werden, was ich de facto einfach bin. Keine Job-Description entspricht noch der Wahrheit. Es ist keine Gnade, es ist die Aufgabe der Geschäftsführung, illegale Beschäftigungsverhältnisse sofort in reguläre umzuwandeln und es ist die Aufgabe des Stiftungsrates genau das zu überprüfen!

Stattdessen müssen es sich die Freien gefallen lassen, im Kreis geschickt zu werden, weil die Zuständigkeiten für Verhandlungen in 18 Monate langen Verhandlungen noch nicht geklärt werden konnten. Konkret bedeutet es: wirklich gut bezahlte Menschen in diesem Unternehmen, nehmen ihre Verantwortung auf Kosten vieler Vielarbeiter, die noch dazu den öffentlich rechtlichen Inhalt liefern, schlicht nicht wahr !!!

Ich arbeite noch bei Ö1, weil ich dafür stehen möchte, wofür der ORF – speziell Ö1 – für mich seit meinen ersten bewussten Radio-Erlebnissen stand: Qualität und Hör-Heimat der Kultur-Interessierten. Ich möchte meinen Beitrag für diesen so konkurrenzlosen Sender beitragen, weil dieses Flaggschiff der Qualität im nivellierten  Mediensumpf wichtiger ist, denn je. Und ich verlange verdammt noch einmal, dass die Verantwortlichen die Möglichkeiten dafür erhalten und verbessern !

Redakteur, 42, zwei Kinder, seit 6 Jahren bei Radio Ö1

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In den 20 Jahren meiner Radioarbeit sind die Honorare – gemessen an der Kaufkraft des Geldes – immer stärker gesunken sodass man als Freier heute hart an der Armutsgrenze werkelt. Ich war früher eine begeisterte Radiogestalterin und habe zahlreiche Preise für meine Sendungen erhalten. Heute bin ich extrem enttäuscht: wir Freie tragen wesentlich zum Prestige von Ö1 bei, unsere Leistung wird jedoch nicht anerkannt, das Geld fließt in die Taschen des höheren Managements und zu den Unterhaltungssendungen des ORF Fernsehen. In den letzten Jahren musste ich mir andere Jobs suchen, um mir die Radioarbeit leisten zu können. Ich tue es weiterhin, weil ich gerne Journalistin bin und weil Qualitäts-Journalismus heute überall schlecht bezahlt ist – das halte ich für eine gefährliche Entwicklung für die Demokratie.“
Redakteurin, drei Kinder, seit 20 Jahren bei Radio Ö1

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Für den ORF als freier Mitarbeiter mit Dienstzeiten rund um die Uhr zu arbeiten bedeutet keine Rücklagen zu haben, nicht kreditwürdig zu sein, mit 33 Jahren noch immer von der Hand in den Mund zu leben, trotz Qualität der Leistung und Anerkennung des Publikums.

Ö1 war lange Zeit gleichbedeutend mit dem Olymp des Radiomachens und der Sprache. Die Möglichkeit dort zu arbeiten war einmal ein medialer Ritterschlag. Das Privileg ein  konkurrenzloses Produkt herstellen zu können. Was einst ein Segen war, wird zusehends und hörbar zum Fluch. Denn diese Monopolstellung macht es einfach die absurde Sparpolitik auf Kosten der Qualität durchzusetzen. Schlicht und unsentimental muss ich mittlerweile sagen, dass ich immer noch für Ö1 arbeite, weil in der Medienlandschaft Österreichs eine Alternative fehlt.

Redakteur, 33, seit 3 Jahren bei Radio Ö1

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Nach mehr als sieben Jahren ausschließlicher Tätigkeit für Ö1, komme ich (weiblich, Anfang 30 Jahre, abgeschlossene Ausbildung) – trotz 40 Stunden Woche und Wochenenddiensten – im Durchschnitt nur auf ein monatliches Gehalt von 1.300 Euro netto. Unplanmäßige Kosten, die zum Beispiel durch einen Wasserrohrbruch entstehen, bedeuten eine enorme Überlastung meines Budgets. Da meine Eltern finanziell nicht in der Lage sind, mich zu unterstützen (und ich das auch nicht möchte), war ich gezwungen, einen Kredit aufzunehmen um mein Konto auszugleichen.

Ich arbeite nach wie vor für Ö1, weil ich eine vielfältige, spannende Tätigkeit ausüben kann, die mir viel Freude bereitet.  Außerdem habe ich die (vielleicht naive) Hoffnung, dass der ORF erkennt, dass jedes Unternehmen nur so gut ist wie sein Personal. Wer Qualität will, sollte seinen MitarbeiterInnen daher Wertschätzung entgegenbringen und für bessere Bezahlung sorgen.

Redakteurin, 30, seit 7 Jahren bei Radio Ö1

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Ich arbeite seit 2006 bei Ö1. Mein Lebensgefährte und Vater unseres gemeinsamen Sohnes hat einen relativ sicheren Job und so können wir halbwegs gut leben – wäre ich Alleinerzieherin (mein Sohn ist jetzt 12 J), könnte ich vom meinem Gehalt nicht existieren…. Für größere Anschaffungen (auch Urlaub) müssen nach wie vor die Eltern einspringen, weil das 13./14. Gehalt definitiv abgeht (und das seit mehr als 6 Jahren!)

Trotzdem mache ich weiter, da ich lange Hoffnung auf Verbesserung der Situation hatte, gleichzeitig jedoch die Jahre voranschreiten und ich nun mit Ende Vierzig am Arbeitsmarkt kaum Chancen oder bessere Bedingungen sehe. Ich habe (noch) nicht aufgegeben, das vom ORF zu fordern, was mir zusteht.

Redakteurin, 47, ein Kind, seit 7 Jahren bei Radio Ö1

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Man könnte es eine schreiende Ungerechtigkeit nennen, wenn man nach 28 Jahren fast ausschließlicher Tätigkeit für den Sender Ö1 immer noch als Freier Mitarbeiter vom Unternehmen ge- und behandelt wird – und sich nicht selten noch überlegen muss, ob man den Gang zum Friseur nicht doch noch auf den 8. Banktag des Folgemonats verschieben könnte; dann ist man hoffentlich wieder im Plus … ABER es ist eine ganz stille Ungerechtigkeit, von der bis vor kurzem die wenigsten wussten. Und die wollten es nicht wissen.

Ich arbeite noch immer bei Ö1, weil es mein Beruf ist, und ich ihn kann! Und weil ich über Jahre gedacht habe, dass der ORF irgendwann auch zur Kenntnis nehmen würde, was für die HörerInnen immer schon (ein) Wert war: die Qualität der produzierten Sendungen. Das Unternehmen hingegen vertritt offenbar die Meinung: Warum sollen wir das Dreifache für ein Angestelltenverhältnis zahlen, wenn wir dasselbe auch so geliefert bekommen. Als FM sitzt man am kürzeren Ast, aber darum kann man sich nicht immer kümmern. Denn: nicht erst am Ende des Arbeitslebens wiegt Sinnhaftigkeit des Tuns mehr als gerechte Entlohnung.

Redakteur, 62, seit 28 Jahren bei Radio Ö1

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Nicht angemessen entlohnt zu werden bedeutet für mich, dass ich meinen Hauptberuf nicht aufgeben kann, und das Radiomachen immer nur Hobby bleiben muss. Ich würde gerne die Energie meiner Tage und Nächte in die Radioarbeit stecken können, anstatt weiterhin Lebenszeit an einem ungeliebten Beruf abzudienen, der Geld, Grundsicherung und Pension bringt.

Ich muß ein Idealist und Narr sein, weiterhin für den ORF zu arbeiten. Es gibt keine vernünftige Erklärung, außer die Befriedigung, meinem Herzen und einem Idealbild eines Bildungs- und Unterhaltungsauftrags zu folgen, der die Hörer dieser Nachmittage, und damit vielleicht auch ein Stückchen Welt ein bisschen besser, informierter oder froher hinterlässt.

Redakteurin, 42, seit 6 Jahren bei Radio Ö1

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Die Bezahlung nach Mindest-Honorarkatalog, Monat für Monat, bedeutet, dass nicht nur meine Arbeit, sondern auch die Erfüllung des öffentlichen Auftrags des ORF für die Geschäftsführung wenig Wert hat.

Ö1 bietet (noch) die Möglichkeit, Themen in einer Form und Tiefe zu vermitteln, wie kein anderes Medium in Österreich. Dass die gegenwärtige Geschäftsführung soweit gehen würde, die Existenzberechtigung des öffentlich rechtlichen Rundfunks zu gefährden, war weder vorhersehbar, noch ist es nachvollziehbar.

Redakteurin, 42, seit 19 Jahren bei Radio Ö1

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Dieses Wochenende bin ich wie so oft bis Mitternacht im Funkhaus an der Arbeit gesessen. Manchmal wird es 2 Uhr in der Früh. Wenn die Redakteure von Ö1 Feierabend haben, komme ich ins Funkhaus und arbeite an meinen Beiträgen. Ich muss die Arbeit dann machen, wenn andere Feierabend haben, weil ich unter der Woche in einem Büro als Angestellte bin, wo ich mir mein Leben finanziere. Von dem Geld, das ich mit den Beiträgen verdiene, könnte ich nicht leben. Die Auswirkungen liegen auf der Hand: weniger Zeit für Freunde, weniger Zeit für Erholung – all das, wofür ein Wochenende da ist, bleibt auf der Strecke.

Vor 20 Jahren habe ich meinen ersten Beitrag für Ö1 gestaltet. Seit ich berufstätig bin, arbeite ich für das Radio, weil Radio meine Leidenschaft ist. Positive Rückmeldungen aus der Redaktion und Bekanntenkreis bestätigen den Wert meiner Arbeit. Der Eduard Ploier Preis ist nur ein Preis, mit dem meine Arbeit ausgezeichnet wurde. Warum sollte ich aufhören das zu tun, was ich nachweislich am besten kann?

Redakteurin, 42, seit 20 Jahren bei Radio Ö1

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Für den ORF als freie Mitarbeiterin zu arbeiten, fühlt sich an wie in einer schlechten (Liebes-) Beziehung zu leben. Es schürt Frust und Wut, lässt Ideen und Energien erlahmen. Darum bin ich dem ORF besonders Gram. Ich arbeite seit 12 Jahren  für Ö1, um Gedanken und Positionen zu Gehör zu bringen und nicht, um Spirit, Offenheit und Ideen zu verlieren. Diese Macht wollte und will ich niemandem überlassen, denn Ideen und Empathie sind mein Kapital. Ich bin weder eine reiche Erbin, noch mit einem reichen Mann verheiratet, noch habe ich das Glück eine billige Mietwohnung zu haben.

Für Ö1 arbeite ich immer noch, weil die Auftragslage sehr gut ist. Es gibt mehr als genug zu tun. Das mag paradox klingen, ist aber ein teuflischer Trost. Leider funktioniert ein über die Jahre zusehends angeknackster Selbstwert über die Bestätigung von außen und wenn dann Redakteur/innen sagen: wir brauchen dich und deinen Einsatz, wirkt das wie eine Droge. Hier 100 Euro, da 250 Euro, noch eine Sendung dazwischengeschoben: so hamster ich mir meinen Monatslohn zusammen, flexibel wie ein Gummiball. Der Abschied fiele mir sehr schwer, denn Ö1 ist ein Bauchladen voll von ideellen Möglichkeiten, sozialer und thematischer Vielfalt.“

Redakteurin, 41, seit 12 Jahren bei Radio Ö1

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Ich arbeite seit 27 1/2 Jahren(!) Vollzeit als freie Mitarbeiterin für den ORF Hörfunk, hauptsächlich für Ö1. Um finanziell halbwegs über die Runden zu kommen, bin ich gezwungen, derzeit 4 verschiedenen Tätigkeiten nachzugehen: Sprecherin&Moderatorin, Sendungsgestalterin , Musik-Programmierung, Sendungsredaktion. Es ist ein dauernder terminlicher Jonglierakt und arbeiten am Rande des „Burn Out“, verbunden mit permanent schwankenden Lohnauszahlungen und der chronischen Unsicherheit behaftet, aus „Einsparungsgründen“ den Job zu verlieren. Als Mutter eines behinderten Sohnes, der bzgl. Betreuung und finanziell einen erhöhten Bedarf hat, eine besonders belastende Situation.

Ich arbeite nach wie vor für Ö1, weil meine Arbeit(en)  erfüllend, kreativ, vielseitig und anspruchsvoll sind und ich mit meinen Fähigkeiten am richtigen Platz bin.

Redakteurin, 55, 2 Kinder,  seit 28 Jahren bei Radio Ö1

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Ich arbeite seit 6 Jahren für den ORF, derzeit in der TV-Kulturredaktion, oft 60 Stunden die Woche, für ca. 900 bis 1000 Euro Monatslohn. Ich bin Ende Dreißig und haben einen Sohn, der soeben eingeschult worden ist. Ich weiß oft nicht, wie ich meine Miete bezahlen soll. Eine Anstellung ist nicht in Sicht, nicht einmal eine Karenzvertretung oder ähnliches.

Ich arbeite noch immer beim ORF-Fernsehen, weil mir die Arbeit grundsätzlich Spaß macht, aber ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen soll. Die Hoffnung auf Honorarerhöhungen gebe ich nicht auf.

Redakteurin, 37, seit 6 Jahren beim ORF TV

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Ich arbeite seit 1995 für den ORF. Obwohl ich mich in den vergangenen 18 Jahren am liebsten ausschließlich meiner Arbeit für Radio und TV gewidmet hätte, war ich gezwungen, mir andere Einkommensquellen zu erschließen. Sonst hätte ich meine Familie nicht ernähren können. Durch die anderen Einkommensquellen, bei welchen überhaupt nicht in Frage gestellt wird, dass meine Fähigkeiten und meine Erfahrung entsprechend honoriert werden müssen, verdiene ich das Geld, um mir die Arbeit bei Ö1 leisten zu können. Ich arbeite manchmal z.B. vier Wochen an einer Ö1-Sendung und verdiene damit nur so viel, wie ich für eine Woche Leben brauche. D.h. die restlichen drei Wochen Arbeit für Ö1 subventioniere ich mir durch andere Arbeit. Am meisten stört mich an der geringen Bezahlung bei Ö1, dass sie uns Freie Mitarbeiter entwürdigt.

Warum ich nicht aufgehört habe für Ö1 zu arbeiten? Es gibt mir die Möglichkeit, mich mit Themen zu befassen, die mich interessieren. Ich kann dabei ständig Neues lernen und erfahren. Ich schätze es, dass die RedakteurInnen für die meisten Themen sehr aufgeschlossen sind. Es bereitet mir große Freude, Menschen, Themen und vor allem Geschichten zu entdecken, die ich den Hörerinnen und Hörern „weitererzählen“ kann.

Redakteur, 48, zwei Kinder, seit 18 Jahren bei Radio Ö1

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Ich arbeite seit sechs Jahren bei Ö1. Um ohne finanzielle Unterstützung meine laufenden Kosten decken zu können, habe ich jahrelang sechs bis sieben Tage die Woche gearbeitet, meist weit mehr als acht Stunden pro Tag. Die Konsequenz war ein Burn-Out. Da ich dann nicht mehr so viel arbeiten konnte und weniger Geld verdiente, musste ich einen Kredit aufnehmen, um die Einkommenseinbußen auszugleichen.
Redakteurin, 40, seit 6 Jahren bei Radio Ö1

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Seit einem Jahr arbeite ich ausschließlich für Ö1. Ohne die finanzielle Unterstützung meiner Eltern, die die Mietkosten tragen, könnte ich mir diesen Beruf nicht leisten. Dass die Entlohnung trotz steigender Routine und Qualität auf einem existenziellen Minimum bleibt, empfinde ich als Hohn. Von Seiten des Unternehmens ebenso, wie von Seiten der Politik.

Dass ich dennoch weiter für Ö1 arbeite, ist im Wesentlichen auf drei Punkte zurückzuführen: 1. Bin ich überzeugt davon, dass intelligente Informationsaufbereitung, wie sie hier passiert, gesellschaftlich unabkömmlich ist 2. Machen mich das kontinuierlich Fragen und die Begegnungen, die dieser Beruf mit sich bringt, glücklich 3. Ist mir ein Optimismus gegeben, der mich hoffen lässt, dass sich die Zustände ändern.

Redakteurin, 29, seit 1 Jahr bei Radio Ö1

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Für mich bedeutet das, so viel als möglich zu arbeiten, um meine monatlichen Fixkosten decken zu können; ständig mit dem Gefühl, viel getan zu haben und mit der Enttäuschung zu leben, dass keine Pause, kein Urlaub in Aussicht ist. weil Pause machen heißt Verdienstentgang, wenn der Verdienst gerade noch ausreicht, um die Fixkosten zu decken, was wohlgemerkt nicht immer der Fall ist.

Ich frage mich das mit jedem Tag stärker, warum, vom Idealismus kann ich mir kein Butterbrot kaufen.

Redakteurin, 41, seit 6 Jahren beim ORF TV

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Ich arbeite jetzt sechs Jahren Vollzeit für Radio FM4. Bereits nach den ersten 1 1/2 Jahren musste ich mit einem Burn Out kämpfen. Damals war ich erst 28 Jahre alt.

Für Radio FM4 arbeite ich noch, weil ich mir prinzipiell keinen schöneren Job auf der Welt vorstellen kann. Journalistin zu sein, in der Welt unterwegs sein, Geschichte erzählen ist mein Traumjob.

Redakteurin, 33, seit 6 Jahren bei Radio FM4

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Es ist Raubbau an der eigenen physischen und psychischen Gesundheit, als freie Mitarbeiterin für den ORF zu arbeiten. Man muss sich regelmäßig fragen, inwieweit man bereit ist, für die eigene Leidenschaft auszubrennen. Diese Auseinandersetzung behindert die Kreativität und die Freude am Schaffen.

So lange die Leidenschaft stärker ist als die physischen und psychischen Verschleißerscheinungen, mache ich weiter.

Redakteurin, 35, ein Kind, seit 9 Jahren bei Radio FM4 und Radio Ö1

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Ich arbeite seit über fünf Jahren hauptberuflich für Radio FM4. Um ein halbwegs ausreichendes Einkommen zu haben, muss ich unverhältnismäßig viele Beiträge pro Woche produzieren. So entsteht ein Kreislauf aus beruflichem Stress und psychischem Druck, resultierend aus der Unterbezahlung und der Unsicherheit meines Beschäftigungsverhältnisses. Vor zwei Jahren bin ich mit einem beginnenden Burn-Out-Syndrom diagnostiziert worden und musste mich einen Monat lang frei stellen lassen – was wiederum mit massiven finanziellen Verlusten verbunden war, was wiederum meine Angstzustände vergrößert hat.

Ich arbeite für Radio FM4, da ich mich mit dem Unternehmen identifizieren kann, ich viele meiner Kolleg_innen sehr schätze und ich mich zumindest in einem kleinen Rahmen kreativ selbstverwirklichen kann.

Redakteurin, 29, seit fünf Jahren bei Radio FM4

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Ich arbeite auch für andere Medien und das ausnahmslos jedes Wochenende und werde außerdem von meiner Mutter regelmäßig unterstützt. Ich schaffe es größtenteils, den Idealismus aufrecht zu erhalten, aber bei manchen Wochenend-/Nacht-Diensten tu ich mir damit immer schwerer.

Ich liebe den Job über alles und habe jahrelang davon geträumt, beim Radio zu arbeiten. Mir wurde von langjährigen MitarbeiterInnen geraten, nicht so viel Herzblut und Hoffnungen hineinzustecken, aber ich mag es noch nicht so richtig glauben.

Redakteurin, 32, seit 3 Jahren bei Radio FM4

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Ich arbeite seit fünf Jahren als Freier Mitarbeiter bei FM4, das Geld geht sich immer gerade so aus, obwohl ich ledig bin. Ich kann mir kaum vorstellen, wie schwer es für meine KollegInnen sein muss, die mit einem ähnlich geringen Gehalt ihre Kinder und Familien versorgen müssen.

Ich arbeite trotzdem noch bei FM4, weil ich den Job liebe und ihn gerne mache. Man kann sich auf viele Arten umfassend einbringen, was so gewünscht ist und auch gefördert wird, aber leider nicht auf finanzieller Ebene.

Redakteur, 31, seit 5 Jahren bei Radio FM4

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Ich arbeite seit fast 8 Jahren bei Radio FM4 als freier Mitarbeiter, weil ich es schätze, hier eine Plattform für Geschichten zu haben, die mir am Herzen liegen. Ich schätze das Arbeitsumfeld (Kollegen, Chefin) und fühle mich grundsätzlich sehr wohl bei diesem Sender. Die miserable Bezahlung für die Arbeit ist ein großes Minus, der Optimist in mir hofft darauf, dass sich das in naher Zukunft ändern wird.

Redakteur, 31, seit 8 Jahren bei Radio FM4

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein

6 Antworten zu “Stimmen der Freien ORF MitarbeiterInnen zu ihrer Situation

  1. Pingback: Licht ins Dunkel « Grob. Gröber. Gröbchen.

  2. dr.Kurosh Paya

    Es ist erschütternd und wohl in vielen anderen Berufen in öffentlich rechtlichen Unternehmen gleich oder ähnlich…
    Ändert sich aber jetzt mit der „Gleichstellung“ der freien Mitarbeiter mit fixangestellten MitarbeiterInnen nicht etwas? Habe gedacht das neue Gesetz verlangt gleiche Bezahlung und Rechte (ausser Kündigungsrecht)?
    Oder ist das nur ein Vorwahlpolitgag?

  3. Ich kenne nur die Honorare beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland. Wieviel zahlt der ORF für eine Redaktionsschicht von acht Stunden?

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